top of page
  • 12. Nov. 2024

Im Zug eine abgesperrte Toilette, kein Gang möglich, der Lokführer gibt über die Notfalltaste Antwort und schlägt der Gruppe nervös wartender, junger Frauen das Aussteigen vor, die Frauen verneinen, weil sie dann auf den nächsten Zug warten müssten und es kalt draußen ist, an der Station standen sie bereits, als Ersatzverkehr geplant und tatsächlich angekündigt war, aber kein Bus kam, stattdessen warteten ungefähr 100 - 200 Menschen bei Nebel im Kalten, wo Autos abgesperrt auf einem fast leeren Parkplatz standen und nicht abgeholt wurden. Eines fährt vorbei, der einzig warme Ort mit ein paar warmen Menschen in seinem Inneren; fährt also an vielen kalten Menschen vorbei, die sich kaum bewegen und nur noch warten. Schutzlos und ausgesetzt, tatsächlich ausgesetzt von einem Zug, der nicht weiterfahren kann, weil sich womöglich jemand vor einen anderen geworfen hat, oder sich und sein Auto, wer weiß, wir wissen es nicht, wir müssen nur warten. Ein Mann, ein verrückter Besoffener, unterhält die kalten Stummen, sie können nicht lachen, nicht mehr reagieren, weil all ihre Energie in die Produktion eigener Wärme und nicht heißer Luft fließt. Keiner dieser Menschenreaktoren reagiert mehr anders oder individuell, stattdessen machen sie alle das gleiche: sie warten und schieben die Lösung dieser unverschuldeten Lage vor sich her wie das Eis seine zerrissenen Schollen. Was kann man hier schon wollen oder machen? Nichts, weil man ihnen gesagt hat, dass jemand anderes Schuld sei, ein Rettungseinsatz nämlich, er sei der Grund, weshalb man nicht weiterfahren könne und jetzt warten müsse. Aussteigen mussten sie deshalb, raus in die nebelige Station an deren Seite ein spärlich beleuchteter Parkplatz grenzt. Da sollen Busse kommen, aber sie kommen nicht. Eine halbe Stunde lang kommen keine Busse, dann noch eine und dann sind noch immer keine Busse in Sicht. Und der Zug, der sie in diese Lage brachte und dann wegfuhr, zurück nämlich zum Ausgangspunkt nur wenige Stationen entfernt zurück und doch weit genug vom Hauptbahnhof weg, sodass man nicht laufen kann, weil es zu weit ist, und selbst mit einem der Autos, die hier abgesperrt am Parkplatz stehen, wäre man eine halbe Stunde unterwegs, nur um zurückzukommen, wo man schon war und es vermutlich wärmer hatte als hier, dieser Zug jedenfalls, der kommt jetzt wieder und nimmt ein paar Kalte in seine Wärme auf, bringt sie dann aber auch nicht weiter, sondern abermals zurück nach Bratislava, wo er herkam. Dort wartet er dann, Menschen steigen aus, gehen zurück in die Halle des Hauptbahnhofs, die sie eigentlich nicht mehr sehen wollten, zumindest nicht für ein paar Tage oder Wochen, jetzt aber nach viel zu kurzer Zwischenzeit wiedersehen, ohne mehr Ereignisse als eine unterbrochene Reise und das Warten an einem leeren Parkplatz zwei Stationen näher am eigentlichen Ziel gesammelt zu haben, weshalb sie die Halle auch satt haben, zumal ihnen kalt ist und sie eine Stunde im kalten Standen ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Jetzt sind sie also wieder da in der Bahnhofshalle, aber auch hier warten keine Busse vor der Tür, nur Taxis, die aber niemand haben will, weil eine Fahrt nach Wien viel zu weit ist und viel zu viel kostet. Eine Gruppe Menschen hat sich in der Kälte von vorher wohl organisiert und besteigt dann doch eines dieser nun besetzten Autos, ich höre noch Vienna aus dem Taxi rufen und weg sind sie. Ein andere Gruppe Ratloser schleppt sich zurück in die Bahnhofshalle, sogar zurück in den Zug, der sie erst weg und dann wieder hergebracht hat, in den steigen sie scheinbar freiwillig nochmal und dann erfüllt er sein Versprechen tatsächlich, fährt also weg und schafft es sogar zwei Stationen weit, genau wie vorher, bleibt dann aber erneut stehen, weil da noch immer ein paar Tapfere warten, die vorher nicht mitwollten, jetzt aber nicht mehr anders können als einzusteigen. Kein Bus kam, erzählen sie, kein Ersatzverkehr wurde eingerichtet, wie versprochen, ein paar Kalte wurden deshalb noch kälter und kamen dann ganz kalt zurück in den Zug, der sie vorher hinauswarf und jetzt wieder aufnimmt. Sie sind ihm nicht böse, nicht einmal dem Lokführer sind sie böse. Über den Notknopf wollen ein paar kalte Frauen nur noch eines in diesem warmen Zug, nämlich sich erleichtern. Aber die Toilette ist versperrt und der hin und her irrende Lokführer darf seinen Platz nicht verlassen, nicht jetzt, wo es doch endlich weitergeht in die richtige Richtung. Sein Posten ist jetzt wichtiger denn je und die Toilette doch bitte kein Notfall! Die einzige Option sei das Aussteigen und Warten an einem sicher ähnlich kalten Ort wie dem, der sie so lange mit kalter Luft auf die Folter spannte. Denn natürlich konnten sie draußen nicht, weil es zu kalt war fürs Hocken und warmes Wasser Lassen. Selbst im Stehen war es kalt, weshalb Einzelgänger einsam gingen und ihre Runde drehen mussten und Reisegruppen dicht zusammenstanden wie gut organisierte Pinguine, mit dem Unterschied trotzdem frieren zu müssen, weil eine Menschenkolonie mehr braucht als körperliche Wärme und ein Parkplatz nichts bieten kann, grundsätzlich nichts bieten kann, nicht einmal Platz, weil der ja auch ohne ihn schon da war, nur nicht zwangsläufig für Menschen. Und Autos bringen auch nichts, wenn sie versperrt sind. Kurz will man sie knacken, weil sie so viel mehr versprechen als ein Zug, der nicht ausweichen kann. Entreißt man dem Zug die Schiene gerät er aus der Bahn, wie man so sagt, und wirft Menschen auf die Straße. Nur für genau die fehlt ihnen heute der Schlüssel, weshalb alles Menschengemachte plötzlich ganz feindlich wird und aber auch die Natur, die sich mit Kälte und Nebel bei uns einschleicht, auch sie ist zum Feind geworden. Und dann kommen Urinstinkte auf und treten selbst in der Nacht zu Tage, glasklar tritt es einem in einer kalten Nacht vor die vor Kälte tränenden Augen und es dämmert dem benebelten Geist, dass etwas getan werden muss, um die Hilflosigkeit zu beenden, das heißt, Kontrolle über eine Reise wiederzuerlangen, die man vor Antritt bewusst aus der Hand gegeben hat, weil man auf Pläne, Maschinen und Menschen mit ihren Schienen, die behaupten, Reisen ginge ohne Sorgen, vertraut und mit bester Absicht eben auch gesetzt hat. Aber wer das Steuer abgibt, drückt sich vor der eigentlichen Verantwortung, die jede Reise mit sich bringt; der reist dann zwar mit gutem Gewissen, aber eigentlich auch das nicht. Denn je mehr Menschen beim Reisen zusammenkommen, umso schwieriger gestaltet sich das Vorhaben pünktlich und richtig dort anzukommen, wo man hin will. Genauer betrachtet ist die gemeinsame Reise die vielleicht sogar einzige Naturgewalt, die wir fürchten müssen. Sie ist die Mutter der Verspätung und der Vater der Zerstörung, nicht nur der Natur, sondern auch unserer tiefsten Instinkte und Fähigkeiten. Sie macht abhängig und sogar süchtig, weshalb wir fliegen und fahren, jetten und in fremden Betten liegen, ja und sogar auf Gleisen gleiten wie die Irren, nur um gemeinsam mit lauter Gefühlskalten an Orten zu stehen, die wir erst zu solchen manchen mussten, Parkplätze für abgeschlossene Autos etwa. Statt also mit ein paar wenigen warmen und deshalb uns wichtigen Menschen potenziell überall zu sein, weil das Heim und die Wärme und die Freunde mitfahren und immer dabei sind in einem dieser individuellsten aller Fortbewegungsmittel, dem Auto, legen wir unser Schicksal in unendlich viele uns so gut wie immer fremdbleibende Hände, in die wir dann auch noch zu allem Überfluss tatsächlich Vertrauen legen! Es ist im Grunde kaum zu fassen, wie viel und wie gerne man vertraut, in diesen großen Reiseapparat, und genau deshalb fragen diese jungen Frauen, die nicht auf die Toilette gehen dürfen, ganz richtig, wieso wir nicht anhalten, nicht ein einziges Mal kurz anhalten, innehalten und stehenbleiben können, sondern immer weiter müssen, auch mit Verspätung, Hauptsache nur weiter, weiter, und wenn der Reiter fällt, dann schreit keiner, weil wir ja in Horden reisen, was macht da schon einer, wie ich, der ich nicht mehr angewiesen sein will auf Pläne und Menschen, so viele Pläne und Menschen, dass ich mich fragen muss: ist denn nicht alles Reisen reinster Überfluss und längst schon ganz gewaltig aus der Bahn geraten?


Dicke Schaumstoffklötze an den Wänden, der Decke und Türe nehmen Worten weg, was sonst ganze Räume füllt. Hier aber hallt nichts nach und auch kein Echo schwingt mit. Nur die Botschaft drückt sich aus, der Kern einer Sache, unverpackt nackt tritt er auf und zu Tage und wirft Fragen auf, die sonst keiner stellt. Im Nebel von Worten und Sätzen, Phrasen und Hülsen bereichern sie nur scheinbar Gespräche. Heute bereichern sie nicht, sie tun es nicht hier, denn hier wird ihnen der Ton geraubt. Kein Nachklang an diesem Ort. Wer hier ins Horn bläst, bläst Horn und hört Horn, sonst nichts. Und wer ins Mikrofon spricht oder singt, der hört Sprache, Gesang, oder Sprechen und Singen, sonst nichts. Dann kommt plötzlich ein Rhythmus dazu, schwer und tief, aber doch leicht genug, um zu treiben. Der zieht sie fort, aber nicht weg, weil der Raum ja noch da ist und sie auch; Beide sind also da: ein Mann und eine Frau in einem Musikstudio. Sie hören sich, sehen sich, riechen sich und schweigen auch nicht. Stattdessen singen sie sich zu und im Rhythmus. Sie sprechen in Reimen, getragen von dem, der sich im Kreislauf befindet, einen Loop nennt man ihn, erklärt der Herr hinter all den bunten Knöpfen und Hebeln, die so ein richtiges Studio wohl haben muss. Ein Rhythmus im Loop also, sagt der Tonmeister, und wiederholt sein Fachvokabular. Knöpfe und Tasten leuchten druckbereit bunt, auch Instrumente stehen griffbereit da; unzählige Flöten, große und kleine, dazu verstärkte und klassische Gitarren. Trommeln, Rasseln und Schlaginstrumente ergänzen das Sortiment. Ein Frosch mit buckligem Rücken, der einen Holzstift im Maul trägt und ihn liebt, diesen Stift, nicht frisst, hüpft ins musikalische Getümmel. Gestreichelt will er damit werden, nicht gefüttert. Frrritt, gerollt das R, so macht der Stift an dem gezackten Rücken, frrritt und nochmal. Dann nimmt der Rhythmus überhand und die Beiden zur Seite. Er spricht in einen Telefonhörer und speist seine Stimme damit ein in das rhythmische Klangwerk. Sie singt ins Mikrofon und gibt ihm Antwort, nur miteinander sprechen, das tun sie nicht. Vom Wein ganz vereinnahmt, sagt er. Sie singt: schön stehst du vor mir. Er sagt: dein Freund in der Heimat, sie singt: und doch bin ich hier. Schöner Auftakt. Noch nie habe er gemeinsam mit jemandem gereimt, sagt er. Same, singt sie englisch und beginnt dann den zweiten Satz: Dich halte ich für schüchtern! Provoziert von dem Angriff legt er nach: und ich dich für leicht. Dann sie: du traust dich nichts nüchtern! Nein, denkt er und zwingt den sich anbahnenden dritten Schritt am rechten Innenbein herunter. So schnell entlarvt und erregt! Wenn sie das sich hier aufbauende Spiel nicht bemerken soll, muss er servieren und den Ton angeben. Aufschlag aus der Hose, wer hat die Pfeife im Mund, denkt er? Er singt: die Unterhaltung wird seicht. Kein Feuer mehr in ihren Augen, gelöscht das Knistern von eben. Lange sagt niemand etwas, nur der Rhythmus klopft unerhört weiter. Ihr Kopf mit den dunklen Lippen, wohin richtet er sich? Auf den zum Glück gepolsterten Boden. Sie fällt leicht und liegt jetzt. Ein Kelim rollt ihre Schönheit aus, in solchen Mustern lässt sich gut verlieren, denkt er. Aber schon geht es weiter, sie richtet sich auf, dreht sich bedächtig, öffnet die Beine und streckt ihre Arme empor.  Dann führt sie das Mikrofon dicht an die noch immer dunklen Lippen und singt: hier verbinden uns Kabel. Darauf er: und im Leben noch mehr. Sie: bitte küss meinen Nabel. Auch das trifft ihn abermals unerhört tief und löst ihm die Spannung im Leistenbereich. Verloren die Konzentration, die ihn unentdeckt stehen ließ. Jetzt aber muss er sich setzen. Wo ist die Luft, wenn man sie braucht, denkt er, was soll ich atmen? Dazu sein Herz, wild schlagend und scheinbar neu angeordnet in dem ihm längst nicht mehr gehorchenden Körper. Es sitzt am Polster, pocht schwer und drückt Blut in die einzig noch denkbare Richtung. Ach Herz, du pumpendes Hindernis! Einen Satz bringt er noch hervor, bevor das Hirn dem Körper das Spielfeld überlässt, eine letzte sich aufbäumende Rückhand, ein Schlag aus Verzweiflung, nicht gegen sie oder sich, sondern für die Flucht aus diesem luftleeren Raum. Raus jetzt, aus dem stillen Studio, denkt er, und reimt wohlwissend auf den von ihm selbst vorausgeschickten Satz eines sie in so vielen Dingen verbindenden Lebens: ich muss gehen, es ist schwer.

Kaufhäuser sind die trostlosen Überreste einer großen Vergangenheit. Heute stehen sie nur noch halb gefüllt, lieblos dekoriert und auch von Außen jedem Glanz beraubt in den Innenstädten. Einst wurde in ihnen stundenlang geschlendert und geguckt, da wurden lange Nasen gemacht und an Schaufensterscheiben platt gedrückt, wie andernorts Kröten auf Asphalt. Und wenn ein großes Fest anstand und die Kinder anständig waren, dann haben Väter durchaus ihre Geldbörse gezückt und Gattinnen wie auch Nachkommen entzückt. In den edelsten dieser Häuser konnte man so ziemlich alles erwerben, von Kaviar bis Königspudelwelpen. Die einzigen Hürden, die dafür zu nehmen waren: Stiegen, oder zu Deutsch: Treppen. Obwohl bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts in rollender Form vorhanden, gilt in Kaufhäusern seit jeher: nur wer steigt, erklimmt den Olymp der Waren. Es ist also ein tatsächlich physischer Akt vonnöten, der, bei ausgeprägtem Einkaufsbummel, einem messnerischen Gipfelsturm nur wenig nachsteht. Und heute? Heute muss der Konsument nur einen Finger krümmen, wenn er will, dass ein ihm gutgefallendes Gut auf Reisen geschickt und vor die Wohnungstüre gelegt werden soll. Ihm, der sich dafür weder in Schale werfen noch Treppen hoch schleppen musste; der das Haus nicht verlassen hat, der wohlmöglich unrasiert und ungewaschen ist und demnach stinkend sozusagen Neues in Empfang nehmen will. Nur gut, dass Ware nicht riechen oder fühlen kann – und ich mir nicht vorstellen will, dass Lebendiges, wie etwa Katzen oder Fische, per click&drop den Besitzer wechseln dürfen. Nein, dafür muss das Haus verlassen, eine Eignungsprüfung gemacht, zumindest aber der Blick zwischen diesem Ding und seinem zukünftigen Besitzer ausgetauscht worden sein, will ich meinen. Sonst darf der Eine nicht dem Anderen gehören! Oder etwa doch? Wenn ja, dann empöre ich mich hiermit feierlich. Dann will ich nicht mehr Stiegen steigen, Treppen rollen oder clicken und droppen, sondern nur noch das sehen, was andernorts längst en vogue zu sein geworden scheint: zugestellte Auf- und Abgänge, die damit ihrem eigentlichen Zweck entrissen sind. In Bratislava tut man das bereits, und von dort ist der Weg ins ehemalige Kaiserreich bekanntlich nicht allzu weit. Deshalb fordere ich: zurück zur Einzelhandels-Monarchie, her mit den Blumen der Gerechtigkeit! Empor mit ihnen auf die Stufen dieser unserer Konsumententempel, auf dass sie die Logik der Massen stören und ihnen den Zugang zu ebensolchen Waren verbauen.


bottom of page