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Ich hätte besser zuhören müssen, aber meine Sinne waren vernebelt. Ich hätte deine Lippen nicht nur küssen sollen, sondern ihnen besser dabei zugesehen, wie sie Worte formen. Dann hätte ich dich verstanden. So aber bin ich lange im Dunklen getappt und damit dir in die Falle. Als Mensch hast du mich gelassen, aber als Mann stand ich auf dem Prüfstand. Mit jedem Satz habe ich mich hinaus gewagt ins Ungewisse. Du aber wusstest es von Anbeginn. Du wusstest, dass du nur Frauen liebst, ich aber wusste nichts davon. So hast du mich verzaubert und mich an deine Lippen und Busen gelassen. Deine Finger hast du nach mir ausgestreckt, obwohl du das lange nicht mehr gemacht hast. Männer interessieren dich nicht mehr. Sie sind Schweine, mehr nicht. Das hast du dann zum Schluss gesagt, als ein neues dieser Schweine vor uns saß und dich übersah. Nur zu mir soll er gesprochen haben und ja, du hattest vielleicht sogar recht damit. Ich selbst wollte sogar ihn übersehen, nur dich nicht. Den Kern deiner Kritik an ihm habe ich verstanden. Weil ich modern sein will, bemühe ich mich um Blicke, die den Augen einer Frau entsprechen, selbst wenn es maßlos ist, das von sich selbst zu behaupten. Aber ich will sehen wie du, hören wie du und mich eben dadurch besser verstehen lernen. Denn mein Herz schlägt nicht taktlos. Männlich schlägt es auch nicht. Es ist klein, mein Herz. In einem Meter und zweiundachtzig Zentimetern, die du mir nicht glaubst, schlummert kein Bärenherz. Vielmehr ist es das einer Eule. Wie heißen weibliche Eulen? Lautlos gleite ich durch diese Welt, bleibe unsichtbar und komme nur nachts heraus. Eben dann, wenn die Sinne schon trüb sind. Wenn ein anderer Vogel mir den Blick verschleiert wie ein grauer Star. Und deshalb habe ich in deiner Gegenwart nichts mehr gespürt, so lange nicht, bis es zu spät war. Du hast nach mir gegriffen und dich hinausgewagt. Aber ich habe nichts davon verstanden. Meine Lenden blieben kalt, die Hüften steif, obwohl du deine warmen Arme um meinen Hals geschlungen hast. Deine Finger in meinen Haaren, deine Hand in meiner. Wärme. Trockene Haut in schwüler Nacht. An deinem Busen ein silberner Pfeil, der ins Rote zielt. Dort, wo er steckt, kann ich nicht niemals sein. Kein Platz für mich in deinem Herzen, ich verstehe jetzt. Meine Fehler häuften sich von Stunde zu Stunde. Am Ende war auch ich nur ein Schwein von vielen. Zu sehr in einer Mission verhaftet, zu wenig im Moment. Dafür meine ich gelernt zu haben, danke zumindest – das will ich noch sagen.

Da sitzen sie jetzt, trinken billigen Wein und noch billigeren Vodka mit Geschmack. Reden über Drogen und darüber, wer wem in welchen Zuständen wirklich über den Weg traut. Auch rauchen sie Vape, blasen also Erdbeersalven in das zum Glück gut klimatisierte Zugabteil, in dem auch ihr ehemaliger Lehrer – vielleicht ein Referendar – sitzt und sich nicht zuständig fühlt, ihnen die Grenzen und Regeln dieses öffentlichen Raumes zu erklären. Nur leise sollen sie sein, dann dürfen sie sich setzen. Und während sie so ihre Halbstarken-Sätze schnalzen und zum nächsten Dorffest reisen, bin ich überlegt zu handeln, etwas zu sagen, ja, den Erwachsenen in diesem Abteil zu geben, weil es sonst keiner tut. 


Dabei sitzen da einige, aber sie sind in Arbeit vertieft an diesem Freitagabend, oder blicken demonstrativ weg, ob aus Angst, Scham oder Betroffenheit einer auch durch sie nicht ganz geglückten Erziehung, wer weiß… . Sprachlich ist das Ganze natürlich hochinteressant, auch wenn die Mehrheit der Reisenden wohl eher geneigt wäre zu sagen: unterirdisch. Denn natürlich gibt es einen Tschick in der Runde, wie ihn Herrndorf erfand, einen, der keine Zähne hat, wie ihm sein vermutlich österreichischer Topfdeckelhaarschnitt-Freund vor versammelter Mannschaft in bewusst coolem Habibi-Ton unter die Nase reibt: Bruder, du hast kein Zähne, also laber kein. Wer hat sich da wem angepasst? Die ganze Rasselbande Tschick oder dieser Tschick der Bande? Jedenfalls redet der sprachlich emigrierte Trupp mit seinen beiden Mädchen so, als kämen sie nicht von hier. Nicht aus Kapfenberg, wo sie einstiegen. Ich schließe auf die Musik und den Cloud- oder Gangster-Rap, den sie wahrscheinlich allesamt hören, im Zweifel auch auf TikTok.


Der verbale Schlag ins Gebiss von Tschick mit den wenigen Zähnen sitzt natürlich und trifft ihn tiefer als gewohnt. Dafür kann er Englisch, was er der Gruppe seiner Freunde mit dem erwachsenen und am Laptop arbeitenden Sitznachbarn unter Beweis stellt. Das where are you from geht ihm gut von den Lippen, dafür braucht er keine Zähne, die er natürlich hat, aber das zählt nicht. Denn vereinzelt treibt es den Karies doch sehr dunkel durch sein Maul. Aber das passt ja, denn wieder wirft der Topfdeckel ein, dass er doch erzählen soll, wie er zu seinem guten Englisch gekommen ist, im Knast sei er nämlich schon gewesen, der Tschick. Klar, denke ich, das passt, der Tschick trinkt und schlägt sich eben gern. 


Und so sitzt dieses kleine, aufmüpfige Gespann von der sie umgebenden Aura der Unbesiegbarkeit in unserem Abteil und verhält sich kaum anders als Menschen, die zum Fußballspiel oder zum Volksfest fahren, oder den Vatertag mit Leiterwagen und Bierkisten begießen. Denn auch die brechen mit den Regeln des gesitteten Zusammenseins, vapen vielleicht nicht im Zug, aber trinken oft noch deutlich mehr Bier und Wein als diese Kleinen, und reden auch kein Stück gescheiter daher. Deshalb halte ich mich zurück, springe nicht auf wie ein übereifriger Lehrer, der noch die Freizeit dieser sich im Alter der absoluten Unbelehrbarkeit Befindlichen zurechtstutzen will. Stattdessen beobachte ich nur und staune über den jugendlichen Leichtsinn mit all seiner Dreistigkeit und Raumeinnahme, verfolge den Erdbeernebel, wundere mich über die Täuschung meiner Nase und den Geschmack auf meiner Zunge, den er hinterlässt – und erlebe, dass ich tatsächlich Lust auf Erdbeeren bekomme.


Trotzdem würde ich ihnen gern das kleine Dampfwunder aus den Händen reißen und zum Fenster rausschmeißen, aber ich tue es nicht, denke es nur kurz, denn so erzieht man kein Kinder, und die 10 Euro, die ich ihnen als Ersatz bieten müsste, habe ich nicht auf Tasche. Mit einem Geldschein könnte ich eine solche Erwachsenenentgleisung entschuldigen und moralapostolisch hinterherwerfen: Hier, und jetzt kauft euch was gescheites davon, ein Erdbeereis vielleicht, ein Buch oder von mir aus auch zwei Kebabs! Und Schluss wäre mit dieser unerhörten Zugfahrt...


  • 15. März 2025

Ich bin ein einfacher Mann, sagte er sich auf dem Heimweg, einer, der im Regen davonläuft, lieber davonläuft, als reinzugehen und dazubleiben, wo sie wahrscheinlich noch immer im Trockenen sitzt und sich beraten lässt oder vorstellen muss, Bericht geben womöglich, das heißt: Einblick in die Dürreperiode eines Künstlerlebens als Schauspielerin, in dem trotz Schönheit, ja, großer Schönheit und echter Ausstrahlung, er sah es in ihren Augen, derzeit kein Engagement in greifbarer Nähe ist. Wie er saß sie deshalb da und wartete auf Beratung, auf Jobs und Stellen, die man ihr vorschlägt, damit sie sie rausholen aus der Ungewissheit und den Fragen, die sich beide stellen, dauernd stellen sie sich diese Fragen, weil niemand nach ihnen greift und sie will oder braucht oder anstellt und engagiert. Nutzen hätte er sie sollen, die Gelegenheit neben ihr, in der nur ein Stuhl zwischen ihnen stand, auf den er seine Tasche legte, in der Bernhard lag und sein Notizheft. Stattdessen saß er nur da, hielt sich den schweren und schmerzenden Kopf, der sich von viel Alkohol und einer chronisch vollen Nase nach nur wenigen Stunden Schlaf selbstverständlich noch nicht erholt hatte und deshalb weiß Gott nicht auf ihrer Höhe war, obwohl er den ihren auch im Sitzen um zwei Längen überragte. Sie hielt ihm sogar die Türe auf, bevor sie das Büro betrat, stellte sich vor ihm der Dame am Empfand vor, hieß Moore, so wie gute Schauspielerinnen eben heißen, dachte er sich, und hielt doch sein Maul. Nach ihr sprach er vor, sagte brav seinen Namen auf, der ihm noch einfiel, und nahm Platz mit einem Stuhl Abstand. Sie trug die gleichen Schuhe wie er, fiel ihm auf, fast wollt er das zum Auftakt sagen, und hielt doch schon wieder sein Maul, aus dem es nicht gut roch, weil er nur wenige Stunden Schlaf in den Knochen hatte und auch im Mund Knochen sind, die müde sein und deshalb schlecht riechen müssen, dachte er sich. Ungewaschen und mit Brille verkleidet saß er also da, wagte nur ein paar schüchterne Blicke, sagte natürlich nichts, nur dann, als er aufgerufen wurde und den Raum verlassen musste, um sich beraten zu lassen. Als er wieder rauskam, saß sie noch immer da, wurde anscheinend selbst noch nicht beraten, wer berät denn so ein schönes Wesen nicht, dachte er, und sprach selbstverständlich auch dann keinen seiner zumindest schön gedachten Sätze aus. Der Dame am Empfang wünschte er beim Verabschieden mit letzter Kraft ein schönes Wochenende, das schaffte er, obwohl sie zu keiner Sekunde seine echte und ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, denn die lag unverändert hinter ihm, in der Schauspielerin, die er durch die Rückwand seines schmerzenden Schädels sah, wo sie ihm die Augen verdrehte, aber nichts davon mitbekam, weil sein Blick stur geradeaus gerichtet war und sich lediglich beim Verlassen des Büros halbherzig in ihre Richtung drehte. Und dann, fast erschrak er, trafen ihre auch ein bisschen zu müden Augen auf die seinen und ihre Lippen flüsterten leise aber hörbar Ciao, auf Wiedersehen auf Italienisch, und das an einem Freitagvormittag in Österreich, in Wien, worauf ihm, wir vermuten, befürchten und wissen es schon, auch jetzt kein Buchstabe einfiel, auch kein deutscher, den er ihren Lippen als Bekenntnis für seine schon beim Eintreten dagewesene Zuneigung entgegenwarf. Und so bleibt er ein einfacher Mann, der vieles, man mag es glauben, nur niemals wirklich etwas sagen kann, weder Ciao oder Tschüss, auch nicht Adieu und schon gar nicht: Hallo, schöne Frau, sind sie allein, sind wir schon zwei.

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