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Veränderung ist gut, sagt man. Vor allem dann, wenn sie von innen heraus kommt. Aus eigenem Antrieb, intrinsisch also, wie Soziologen sagen. Werber finden das auch gut. In ihren Agenturen gleicht ja kein Tag dem anderen, behaupten die. Mag gut sein, dass dem so ist; will ich gar nicht hinterfragen. Nach dem dritten Espresso an einem völlig neuen Montagmorgen schießt ihnen dann also ein Slogan wie Make the Switch durch den Kopf . Ein schöner Spruch für ein hässliches Business. Schlecht übersetzt kann das vieles heißen, grob gesagt aber vermutlich: Hab Mut zur Veränderung, vollzieh den Wechsel. Geh weg vom alten Glimmstängel und hin zur E-Zigarette. Schluss mit Marlboro-Mann und ganz bestimmtem Lungenkrebs. Vorbei die sichere Impotenz bei regelmäßigem Zigarettenkonsum. Hier kommt der neue Rauch in gesunden, dichten Wolken. Auf lange Sicht gibts zwar noch keine Sicherheit bei den Batterie-Brüdern. Ob die schaden, wissen wir nicht, oder will keiner verraten. Die Branche jauchzt zum Erdbeerhimmel hoch! Auch deshalb: Make the Switch! Verändere dich, lieber Konsument, geh jetzt mit der Zeit. Das heißt: modisch zurück zu Schlaghose und Topffrisur, beim Lifestyle aber woke as fuck. Vegan, glutenfrei und Smoothies so grün, dass jeder Dschungel grau dagegen wirkt. Und in den Händen ein neues Spielzeug, das mit sogenannten Heets (kleine Tabak-Patronen, oder besser: beschnittene Zigaretten) geladen nur ein ganz klein wenig stinkt. Was denkt sich die Branche eigentlich dabei? Gar nichts? Will sie den Furz salonfähig machen, oder geht es schlicht nicht anders? Das kleinste körperliche Übel der E-Zigarette, der Furz? Bei all den Unverträglichkeiten da draußen kein Wunder! Nur schön, dass es alternativ auch liquids gibt, die sich verdampfen lassen. Die überdecken diese Ausgeburten verdampfter Unverschämtheiten mit Geschmacksrichtungen wie Honigmelone oder Crème brûlée. Als Feinschmecker, der ich nicht bin, bleibt mir daher nur zu sagen: man reiche mir den Dessertlöffel – um ihn abzugeben.


Frau füllt einen Zigarettenautomat auf

Gemischte Toilette, Brackwasser. Mann geht rein, Frau will raus und warnt ihn dabei, weil sie Vorsprung hat, mit den Worten: »Nicht erschrecken!«. »Fast nicht passiert«, quetscht er noch schnell zwischen Tür und Angel und seine Lippen, schaut dazu blöd, und zuckt dann im Inneren zusammen. Das WC ist um Wesentliches erweitert, von dem er sogleich Gebrauch macht, zum Beispiel dem Vergrößerungsspiegel. Dort, wo sie sich vermutlich das Gesicht tupfte, wundert er sich über die Größe seiner Nase. Rechts vom Spiegel entdeckt er Geräte in einem goldenen Becher. Eine Pinzette etwa und brav verpackte Ohrenstäbe. Kurz zögert er, dann zupft er sich betont genussvoll erste Borsten aus den Höhlen. Überlange, seildicke und schwer zu greifende Fäden treiben ihm zunächst Tränen in die Augen, dann ein Schmunzeln ins Gesicht. Schon liegen die Ersten am Beckenboden, wie an den Spitzen leicht ergraute und in die Monate gekommene Würmer. Der Beckenboden – an ihn hat er heute auch schon gedacht, kürzlich erst, vor wenigen Minuten, als er sich mit angespannter Leistengegend den Weg hier hoch, in neues Terrain erkämpfen musste, und dabei fast ein paar Tropfen verlor. Jetzt eilt gar nichts mehr, denn der sichere Keramikhafen liegt in unmittelbarer Nähe. Da lässt sich gut leben, vor dem Hochaltar der Körperpflege! Ein Tamponeimer steht auch bereit, er sieht ihn durch die offene Tür. Aber er bleibt unberührt; ob etwas drin ist, will er nicht wissen, denn seine Neugier gilt nur ihm selbst.


Still, dieser Ort, denkt er. Das sagt man ja immer, aber hier stimmt's wirklich. Wahrlich ruhig und seltsam schön. Bei den Männern, eine Etage tiefer, ist das ganz anders. Da ist Toilette Geschäft, und das muss schnell gehen. Da wird getrennt, ob nach Geschlecht oder zwischen Deckel und Brille, und gerade deshalb oft danebengeschossen. Das aber ist Lounge, weil ausgestattet und eingeräumt – und damit ungewohnt wohnlich. Sofort wird ihm klar, hier muss gelten: bloß nicht auffallen und nicht mehr dalassen als unbedingt notwendig! Maximal einen zweiten Blick in die Spiegellandschaft wagen, das heißt: nach der Nase nochmal aufs Ganze glotzen. Und dann rein, ins eigentliche Häuschen. Im Inneren: Parfüms, Deodorants und Streichhölzer. Auch hier greift er zu, spritzt erst kräftig in die Luft und weil's gefällt auch gleich auf's Hemd und in seinen Kragen. Dicke Luft, wohlriechend! Trotzdem schnell raus jetzt, ist ja doch zu eng und überdies nervt doch glatt nochmal ein Nasenhaar! Wieder im Vorraum, hängt er vorm Spiegel seiner Wahl und bedient sich nach getaner Arbeit im Seifenparadies. Es gibt Stücke, die in einer Muschelschalenhälfte liegen, klassische Seifenspender und natürlich auch medizinisches, zur echten Desinfektion. Er greift zu einem der wohlgeformten Stücke, einer Banane, weil sie edel aussieht und er sich nicht anders fühlt. Schon wandern ein paar trübe Tropfen langsam schäumend über seine Handrücken ins Waschbecken. Beides, Haare wie Tropfen, geben ein seltsames Bild ab. Sein Besuch hier dauert, weil er das Zupfen und Tröpfeln nicht lassen kann. Denn so, wie das hier geht, mit Vergrößerungsspiegel und Pinzette, so muss das sein! Unten, im Stockwerk tiefer, zupft er mit bloßen Fingern, und sauber sind die nie, weder davor noch danach!


Als er die Toilette verlässt, blickt er in vier ungläubige Gesichter, alle weiblich. Peinlich. »Was macht DER hier«, scheinen sie zu fragen, ohne böse zu gucken. Auf ihrem Stockwerk, in ihrer Abteilung und doch ganz richtig, biegt er sogleich um die rettende nächste Ecke und denkt bei sich: Dort, wo schöne Wimpern klimpern, lässt sich's trefflich Nasenhaare zupfen – und er kam wieder, keine Frage.

Ein Mann steht mit heruntergelassener Hose an einer Hauswand und uriniert. Man sieht ihn durch ein Fenster


  • 14. Feb. 2024

Manchmal, ja manchmal muss man schreien und schimpfen, aus Verärgerung oder Frust, jedenfalls aus voller Seele und mit der tiefen Absicht, laut zu sein, wie ein eingesperrter Hund an seiner eisernen Leine. Handschnellen haben sie mir angelegt, diese menschlichen Schweine. Weil sie nicht nur die Freiheit meiner Hände, sondern auch meiner geistigen und moralischen Überlegenheit fürchten. Jawohl, «ich sag's, wie's ist», höre ich mich diese abgestumpften Arbeitstiere mit einem boshaften Lächeln zitieren. Was sind das nur für Menschen, die sich nach außen hin modern geben und mit der digitalen Synchronisation ihres beruflichen wie auch privaten Lebens angeben, so als gäbe es nichts schöneres als einen einzigen gemeinsamen Kalender mit allen Aufgaben und Pflichten auf ein und demselben Gerät. Ein Smartphone, nur eines streckt dieser Vater einer mittlerweile erwachsenen Tochter in die Höhe und freut sich kindhaft über seine neue Smartwatch, mit der er jetzt trotz Zuckerkrankheit und notorischem Bewegungsmangel die Schönheit seines Bürolebens tracken will. Chapeau, du alter Schreibtischhengst, die Falten stehen dir gleich viel besser, so vermessen wie sie jetzt sind. Nur die Arbeit scheut auch damit nicht vor dem heiligen Wochenende zurück. Nein, noch immer sehe ich dich nachts um 23 Uhr an einem ehemals sonnigen Samstag in Firmendokumenten arbeiten, weil du das Loslassen verlernt hast. Auch du trägst zur Uhr ein paar schöne stählerne Reifen ums Handgelenk, mit dem Unterschied, dass du die Handschellen im Gegensatz zu mir mit Stolz zu tragen scheinst. Ja, du trägst sie wie Schmuck, während ich mir die beste Vaseline herbeiwünsche, um sie irgendwie und möglichst schmerzfrei abzustreifen. Doch sie sind eng, so eng, wie ich sie nie wollte. Heimlich haben sich ihre Rasten verschoben, sind enger geworden, zu eng. Anfangs waren sie kaum zu spüren und da gefielen sie mir, so ehrlich muss ich sein! Weil sie Zugehörigkeit versprachen und, so log ich mir vor, dem Leben einen Sinn geben. Arbeit, Lohnarbeit, angestellt sein, dabei sein und durch monatliche Zahlungen das Gefühl von Freiheit erlangen. Pah! Dieser hässliche Deal stinkt meilenweit bis in die tiefsten Schubladen eines eisig-feuchten Buchhalterzimmers hinein. Und dort modert er vor sich, dieser Deal, und braucht sehr lange, bis er in das Bewusstsein eines Arbeitstieres findet. doch nur selten schafft er es aus dem Holz heraus, frisst sich stattdessen fest und belegt dort jede Faser, jeden Lebensring des nun zum zweiten Mal sterbenden Baumes. Oh Leben, was bist du nur für ein schmerzlich-schöner Betriebsunfall!


Verbranntes Filmnegativ, helle, weißliche Farbtöne mit ungleichmäßigen Punkten

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